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Wenn das Taschengeld in der Hand brennt: Warum Kinder nicht warten können

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„Es gibt Taschengeld!“ – Schnell hat sich in der Wohngruppe eine kleine Schlange bei der auszahlenden Erzieherin gebildet und sobald die Kinder es endlich in der Hand halten, verabschieden sie sich in den Ausgang. Wenn sie – fast immer pünktlich – wieder auftauchen, zeigen sie stolz, was sie sich dafür gekauft haben: Süßigkeiten, kleines Spielzeug, allerlei Kinkerlitzchen, und sie verstehen nicht, dass ihre Erzieherin fragt: „Musste das wirklich sein? Süßigkeiten gibt’s doch auch bei uns. Und wie lange wirst du diese Yu-Gi-Oh-Karten haben? Morgen wirst du dich darüber beschweren, dass dich deine Klassenkameraden beim Tauschen übers Ohr gehauen haben. Oder du verlierst die Dinger, und wenn ich mir deine alten ansehe: Eselsohren, halb eingerissen – kannst du dir nicht was Vernünftiges für dein Geld kaufen?“

Da stehen wir Erwachsenen mit unseren Maßstäben da und gucken verständnislos. Unsere Kinder – bedauernswerte Opfer konsumorientierter Handelsunternehmen! Können wir sie nicht davor bewahren?

Nein – und ja. Aber es ist etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht.

Blicken wir erst mal in ein klassisches Kinderbuch. Tom Sawyer muss den Zaun streichen – Auftrag von Tante Polly. Es gelingt ihm, alle vorbeikommenden Kinder für diese spannende Tätigkeit zu begeistern, sie machen seine Arbeit und er streicht dafür Schätze ein: „…ein ganzer und ein angebissener Apfel, ein nur wenig geflickter Drachen, eine tote Ratte an einer Schnur, zwölf Steinkugeln, eine schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel, ein Stück Kreide, einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur einem Auge, einen alten messingnen Türgriff, ein Hundehalsband ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen.”

Mark Twain kommentiert das mit den Worten: „… als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden.” Hätte Tante Polly das auch so gesehen?

Kaum. Was für ein Kind wertvoll ist, können wir Erwachsenen uns oft nicht vorstellen. Am ehesten vielleicht noch, wenn wir an unsere eigene Kindheit denken: Wie verständnislos waren wir für die genervten Blicke und Worte unserer Eltern, wenn wir stolz zeigten, was wir gesammelt und manchmal auch gekauft hatten! Und – seien wir ehrlich – natürlich sofort, wenn wir die Chance dazu hatten. Und wie belastend war es, auf die Erfüllung eines Wunsches, vielleicht zum Geburtstag oder zu Weihnachten, warten zu müssen!

Warum eigentlich? Warum wollen Kinder nicht warten?

Dafür gibt es zwei Gründe: Besonderheiten in der Entwicklung des kindlichen Zeitverständnisses und in der Entwicklung der Fähigkeit, die Befriedigung eines Bedürfnisses aufzuschieben.

Kinder leben in ihrer eigenen Zeit und die verändert sich mit ihrem Alter. Jean Piaget hat als einer der ersten darauf aufmerksam gemacht: 

  • Das einjährige Kind kann kurze Reihenfolgen speichern und sie damit auch vorhersehen, hat aber noch keinen Begriff für die Dauer von Zeit.
  • Im Alter von drei bis sieben Jahren sind Zeitvorstellungen an die unmittelbare Anschauung gebunden: Wer größer ist, muss älter sein. Noch dreimal schlafen, und dann ist Weihnachten.
  • Im Grundschulalter beginnen Kinder die Dauer unterschiedlicher Zeitabschnitte zu erkennen und können sie miteinander vergleichen: Die „Sendung mit der Maus“ ist kürzer als eine Schulstunde.
  • Und erst mit etwa neun Jahren können Kinder die Dauer von Handlungen relativ genau schätzen und vorhersagen, wie viel Zeit eine Handlung beanspruchen wird und vor allem: Erst dann haben sie ein Empfinden dafür, wieviel Zeit bis zu einem bestimmten Termin vergehen wird.

Wenn ich aber nicht sicher weiß, wie lange etwas dauert, wie soll ich da geduldig warten können? Vor allem, wenn ich das auch sofort haben könnte? Und was, wenn ich nicht weiß, ob ich es überhaupt wirklich bekomme und dann auch behalten darf? Was soll ich da mit Oma-Sprüchen wie „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“?

Na ja, ich müsste dafür auch wissen, wie Oma auf diese Sprüche gekommen ist. „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ meint: Damit ich wichtige Bedürfnisse von mir auch in schweren Zeiten befriedigen kann, muss ich einen Vorrat schaffen. Das gelingt mir nur, wenn ich nicht alles, was ich bekomme (geschenkt oder erarbeitet), sofort verbrauche, sondern Dinge oder ihr finanzielles Äquivalent zur Seite lege, wenn ich also die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen aufschieben kann. In einer Zeit, in der Krisen und Notzeiten in weit höherem Maß als heute zum Leben gehörten, war solches Handeln überlebensnotwendig.

Na gut, ist ja logisch – warum aber gelingt das manchen Kindern und anderen nicht? Und ist das heute überhaupt noch wichtig?

Darauf geben Versuche eine Antwort, die Walter Mischel vor ungefähr vierzig Jahren gemacht hat und die als „Marshmallow-Experiment“ in die Geschichte der Psychologie eingegangen sind. Mischel und seine Mitarbeiter stellten vier- bis fünfjährige Kinder vor die Wahl: Willst du jetzt ein Marshmallow essen, oder willst du warten und als Belohnung dafür noch ein zweites bekommen? Wer sich für das Warten entschied, musste allein in einem leeren Raum sitzen, das Marshmallow oder eine andere Süßigkeit vor sich auf dem Tisch. Daneben lag eine Glocke, mit der die Kinder ihren Betreuer herbeiklingeln konnten, wenn sie es nicht mehr aushielten. Dann gab es aber keine Belohnung…

Ein Teil der Kinder schaffte es, ein anderer Teil nicht. Die Versuchsbedingungen wurden variiert, es wurde sehr genau überprüft, wie lange die Kinder es im Durchschnitt vor dem Marshmallow aushielten und von welchen Umgebungsbedingungen das abhing. Das war schon ganz interessant. Die entscheidende Idee kam Walter Mischel aber erst Jahre später, als er sich mit seinen Töchtern über ihre Kindergartenfreundinnen und -freunde unterhielt und sie ihm erzählten, was so aus ihnen geworden war.

Er lud daraufhin die Teilnehmer seiner ersten Tests zu Nachuntersuchungen ein und dabei ergab sich plötzlich ein erstaunlicher Zusammenhang: Diejenigen, die auf das zweite Marshmallow warten konnten, zeigten zehn Jahre später eine höhere Konzentrationsfähigkeit, konnten besser mit Frustrationen umgehen, waren selbstbewusster, erzielten bei Intelligenztests höhere Werte und hatten die besseren Schulnoten. Zwanzig Jahre später besaßen sie häufiger einen Uni-Abschluss, ihre Beziehungen waren stabiler, sie nahmen seltener Drogen, und sie waren schlanker als diejenigen, die ihr Bedürfnis nicht aufschieben konnten. Und so ging es in den folgenden Jahrzehnten immer weiter: In allen möglichen Bereichen des Lebens blieben auffällige Unterschiede. Dabei handelt es sich allerdings um die Mittelwerte von Gruppen, die noch nichts über den konkreten Einzelfall aussagen.

Was aber befähigt Kinder dazu, ein Bedürfnis aufzuschieben?

Erik Erikson nannte es „Urvertrauen“: In der frühen Kindheit können sie lernen, dass das Verhalten eines bekannten Menschen vorhersehbar ist und dass man sich auf ihn verlassen kann. Oder eben auch nicht – es kommt auf ihre Erfahrungen an. Wie stark das der Fall ist, sagte Walter Mischel in einem Interview: „Wenn auf nichts Verlass ist, macht es womöglich gar keinen Unterschied, ob ich mich anstrenge oder nicht. Wir haben auch einmal getestet, was passiert, wenn man den Kindern das versprochene zweite Marshmallow nicht gibt. Sie lernen dann schnell, dass nur sicher ist, was sie im Mund haben. Dann wartet keiner mehr.“

Genau das ist es. Zur Lebensgeschichte der Kinder in unseren Wohngruppen gehört in den meisten Fällen die Erfahrung, dass Versprechen nicht gehalten wurden, Erwartungen und Hoffnungen sich nicht erfüllten oder – noch schlimmer – sich mal verwirklichten und mal nicht. Sicher war nur, was in Mund und Magen war oder gut versteckt. Und so erklärt sich manches auf den ersten Blick irritierende Verhalten. Können wir daran was ändern?

Ja, auch wenn es nicht leicht ist. Vertrauen lässt sich nicht mit gutem Zureden vermitteln, sondern nur in wiederholten Erfahrungen langsam, sehr langsam lernen. Dazu gehört die absolute Verlässlichkeit aller Abmachungen und Versprechen: Vorbildhaftes Verhalten der erwachsenen Bezugspersonen ist dafür die unbedingt nötige Voraussetzung. Die natürliche Loyalität der Kinder zu ihren Eltern macht es erforderlich, sie in diesen Prozess einzubinden.

Ein weiteres Moment ist die Vermittlung mentaler Strategien, einer Versuchung zu widerstehen. Wie so etwas geschehen kann, haben die Macher der Sesamstraße in einer Staffel gezeigt, in der das Krümelmonster lernte, Keksen zu widerstehen. Es wollte nämlich unbedingt in den Klub der Keks-Genießer aufgenommen werden. Dazu musste es lernen, Kekse nicht herunterzuschlingen, sondern langsam und genussvoll zu verzehren. Um das zu schaffen, stellte es sich zum Beispiel vor, ein Keks sei gar nicht echt oder er schmecke ganz fürchterlich. Und die Botschaft hieß: Wenn sogar das Krümelmonster sich beherrschen kann, dann gelingt dies jedem.

Wenn wir wollen, dass Kinder lernen, sich verantwortungsbewusst für entfernte, aber lohnende Ziele zu entscheiden, müssen wir ihnen also helfen, zwei Dinge zu erwerben: Ein Ziel, für das sie brennen, und die Fähigkeit, beharrlich darauf hinzuarbeiten. Nur dann können Sie anders handeln, als es ihnen aktuelle Impulse vorgeben. „Nur der Mensch, der sich selbst beherrschen kann, ist frei“, sagt Walter Mischel.

Und für Erwachsene, die für eben diese Kinder verantwortlich sind, hat er noch einen Rat: „Das Erste ist, das Stressniveau so niedrig wie möglich zu halten. Das Zweite ist, mit dem eigenen Verhalten vorzuleben, was sie von den Kindern erwarten.“

Oh je, wie soll das gehen?

Wo wir doch selbst gern noch mal zum Naschen an den Kühlschrank gehen oder spontan irgendetwas kaufen, obwohl wir es gar nicht wirklich brauchen? Glücklicherweise hält Walter Mischel für uns noch einen Trost bereit: „Ein Mensch muss nicht in allen Lebensbereichen gleich diszipliniert sein… Mancher arbeitet zum Beispiel extrem diszipliniert, hat aber keinerlei Kontrolle, wenn es um Schokolade geht. Oder jemand ist superdiszipliniert im Fitnessstudio, hat aber Riesenprobleme, seine Wohnung in Ordnung zu halten.“ (Quelle aller Zitate von Walter Mischel: Zeit online, 16. März 2015)

Es kommt letztlich darauf an, was wir für wichtig halten. Und damit können wir durchaus ein Vorbild sein. Vielleicht entscheiden sich dann ja manche unserer Kinder, für die Erfüllung eines Wunsches einen Teil ihres Taschengeldes zu sparen und beglückt zu erleben, dass dies eine höherwertige Befriedigung eines Bedürfnisses ist. Den Rest spontan zu verprassen, gehört aber auch zum Leben!

Bernd Friedrich, Dipl.-Psychologe, Kinder- und Jugendheim Crimmitschau

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