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Stiefmütter und andere Märchen oder: Wie das Projekt Patchwork-Familie ein Erfolg werden kann

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Wenn wir auch nicht selbst damit aufgewachsen sein sollten, so kennen wir doch alle die Erzählungen und Märchen von der „bösen Stiefmutter“. „Hänsel und Gretel“ oder „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ kommen als erstes in den Sinn. Ob  wir es wollen oder nicht, diese alten Bilder und Geschichten haben hier und da immer noch Einfluss auf die Art und Weise, wie wir das Stiefelternsein bewusst oder unbewusst bewerten. Diese Bewertung fällt schnell negativ aus, zumindest jedoch mit einem Mindestmaß an Abstand, indem das Offensichtliche nicht benannt, die Auseinandersetzung damit gemieden wird.  Gerne fällt dabei heute alternativ die Bezeichnung der „Patchwork- Familie“, vielleicht auch um das ungeliebte Wort „Stieffamilie“ gekonnt zu umschiffen.

In der praktischen Arbeit mit unseren Familien ist die Tatsache Stieffamilie nicht mehr die seltene Ausnahme und wenn wir durch unsere Freundes- und Bekanntenkreise schauen, dann werden wir dieses Phänomen durch alle Schichten der Gesellschaft hinweg wiederfinden.

Zahlen des DJI-Familiensurveys („Deutsches Jugendinstitut e.V.“) aus dem Jahr  2009 beziffern, dass zehn Prozent der Familien in den alten Bundesländern und zwölf Prozent der Familien in den neuen Bundesländern ihrer Form nach als Stief- bzw. Patchwork-Familie zusammenleben. Es ist es also wert, sich darüber Gedanken zu machen. 

Wie entsteht eine Stieffamilie

Der Gründung einer Stieffamilie geht zunächst immer eine Krise voraus. In der Regel handelt es sich bei dieser Krise um die Scheidung bzw. Trennung des Elternpaares oder aber, wen auch heute eher seltener, den Tod eines Elternteiles. Es ist heute vermutlich schon ein Allgemeinplatz, wenn darauf verwiesen wird, dass die Eltern, bei allen Meinungsverschiedenheiten, ihre Kinder im Blick behalten und ihnen ggf. Ängste und Sorgen nehmen sollten. Kinder geben sich bspw. schnell selbst die Schuld an der Trennung ihrer Eltern. Häufig tragen die Erwachsenen zudem ihre Streitigkeiten vor und über die Kinder aus. Unklarheiten, sei es die Planung von Umgängen an Wochenenden, wer nimmt am nächsten Elternabend teil oder ähnliches gehören einzig und allein auf die Erwachsenenebene. Des Weiteren bleiben die Eltern trotz Trennung im Rahmen des geteilten Sorgerechtes in der gemeinsamen Verantwortung für ihr Kind. Nicht zuletzt muss geklärt werden, bei welchem Elternteil die Kinder ihren Lebensmittelpunkt haben sollen.

Tritt nun ein(e) neue(r) Partner(in) in das Leben dieses Elternteils und begründet mit diesem einen neuen Familienhaushalt, so können wir allgemein von einer Stieffamilie sprechen. Der neue Partner übernimmt als Stiefmutter bzw. Stiefvater die Rolle des sozialen Elternteils. „Eine Stieffamilie ist eine um Dauer bemühte Lebensgemeinschaft, in die mindestens einer der Partner mindestens ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitbringt, wobei das Kind bzw. die Kinder zeitweise auch im Haushalt des jeweils zweiten leiblichen Elternteils leben kann bzw. können.“ (Döring 2002, 50) Im Unterschied zur einfachen Stieffamilie bringen in einer Patchwork- Familie beide Partner ein oder mehrere Kinder aus ihrer früheren Beziehung mit, die Herausforderungen bleiben aber prinzipiell dieselben.

Auf was können wir als Patchwork- oder Stieffamilie zu Beginn achten?

Zunächst sollten Sie sich vor Augen führen, dass es, insbesondere am Anfang, ein Ungleichgewicht bei den elterlichen Rechten und Kompetenzen des leiblichen und des sozialen Elternteils geben wird.

·        Für den Stiefvater/ die Stiefmutter bedeutet dies vor allem eines: Sie dürfen Ihren Partner bei der Erziehung seines Kindes gerne unterstützen, dürfen sich aber auch ein wenig zurücklehnen, wenn es um richtungsweisende Erziehungsaufgaben geht. Nehmen Sie Druck raus und gehen Sie es langsam an. Der leibliche Elternteil bleibt für sein Kind immer der erste Ansprechpartner.

·        Deswegen sollten Sie mit Ihrem neuen Partner frühzeitig besprechen, welche Erziehungsaufgaben er/sie in seiner Stiefelternrolle aktiv begleiten soll, aber eben auch, wo dieser sich noch zurückhalten darf. Ein potenzieller Herd für Konflikte innerhalb von Stieffamilien ist nicht die Passivität des Stiefelternteils, sondern immer wieder sein Überengagement. Zumeist die Kinder fühlen sich dann überrollt. Beziehungen sind aber Pflänzchen, die Zeit zum Wachsen brauchen. 

·        Druck schaffen sich nicht nur die Stieffamilien selbst, Druck wird häufig auch aus dem Umfeld erzeugt. Die ehemals alleinerziehende Mutter (der häufigste Fall) hat endlich einen neuen Partner. „Gut, dass für die Kinder wieder ein Mann im Haus gibt“, so hört man dann ganz schnell. Lassen Sie sich auf diese Stimmen nicht ein und entscheiden Sie gemeinsam,  in welchem Tempo Ihre Stieffamilie/ Patchwork-Familie zusammenwächst.

·        Die Geburt des Kindes markiert den Wandel eines Paares hin zu einer Familie. Damit eine Familie jedoch eine gemeinsame Familienidentität finden kann, muss sie gemeinsame Erlebnisse und Geschichten für sich finden. Die ersten Worte des Kindes, die ersten Schritte, der erste Familienausflug und das erste Familienfest. Dem neuen Stiefelternteil fehlt diese gemeinsame Familiengeschichte, weil er schlicht und ergreifend nicht anwesend sein konnte. Holen Sie die vergangene Familiengeschichte nicht nach, sondern schreiben Sie an der Geschichte Ihrer zukünftigen Stieffamilie.

Offenheit statt Geheimniskrämerei

Machen Sie kein Geheimnis daraus, dass Sie eine Stieffamilie sind. Vielmehr sprechen Sie, dem Alter der Kinder angemessen, offen an, was bei Ihnen gelebte Realität ist. In meiner Arbeit durfte ich erleben, wie schwer sich Stieffamilien damit tun auszusprechen, was sie sind. Die Vorsilbe Stief-, ob nun in Stieftochter/ Stiefsohn oder Stiefvater/ Stiefmutter, schien behaftet mit einem Makel, als würde man sich dafür schämen.

·        Zum einen machen Sie es Ihren Kindern mit mehr Offenheit einfacher. Kinder geraten schnell in den Loyalitätskonflikt, wenn sie den neuen Partner fälschlicherweise als Vater/ Papa bzw. Mutter/ Mama vorgestellt bekommen. Für das Kind entsteht dann schnell der Eindruck, dass es zwischen dem Stiefelternteil und dem eigentlichen Elternteil entscheiden soll. Eine Entscheidung, vor die Sie Ihr Kind nicht stellen sollten.

·        Sollten Sie trotzdem bei dem Begriff Stiefpapa/ Stiefmama Bauchschmerzen haben, so suchen Sie nach einer geeigneten Alternative. Ein vierjähriger Junge erzählte mir einmal freudig, dass er zwei Väter habe. Der eine, dass sei sein „richtiger Papa“, der andere wäre sein „Ersatz-Papa“.  Sollten Sie schon Teenager im Haus haben, so kann auch schlicht und ergreifend der Vorname des Stiefelternteils die Lösung der Namensfindung sein. Sie dürfen hier kreativ werden.

Nehmen Sie die Vorteile in den Blick

Heben Sie zu guter Letzt auch die Vorteile Ihres Stieffamiliendaseins hervor. Wenn der Kontakt der Kinder zu dem nicht (im Familienhaushalt) anwesenden leiblichen Elternteil weiterhin gut gepflegt wird, so kommen die Kinder in den Genuss, dass sie sich langfristig auf mehrere Bezugspersonen verlassen können. Der oben erwähnte vierjährige Junge empfand die Tatsache, dass er Papa und Ersatz-Papa hatte, als Gewinn. Jede weitere positive und vertrauensvolle Beziehung im Leben eines Kindes kann Raum für neue Chancen und Möglichkeiten bieten. In Fachkreisen spricht man hier gerne von „elternreichen Kindern“.

Natürlich kann die neu entstandene Stieffamilie auch für Entlastung sorgen. Der neue Partner kann situativ für Entlastung im Alltag sorgen und Möglichkeiten schaffen, die ein(e) Alleinerziehende(r) so nicht bewältigen kann.

Fazit

Statistisch gesehen treten Stieffamilien zwar weiterhin nicht mehrheitlich in Deutschland auf, jedoch sind sie auch schon lange nicht mehr die Ausnahme. Normalität in Deutschland sind sie schon allemal. Die oben genannten Kriterien sind nicht im Labor entstanden. Vielmehr sind sie wiederholte Beobachtungen an etlichen Stief- und Patchwork-Familien, die ihren Werdegang selbst als positiv bewertet hatten. Viele dieser Stieffamilien wussten also ohne jeden Ratgeber bereits intuitiv, wie sie einen guten Weg gehen konnten. Behalten Sie also Gelassenheit, seien Sie bereit, Ihr eigenes Handeln zu überprüfen, sprechen Sie Wünsche und Sorgen vorbehaltlos aus und zeigen Sie sich bereit, neue Wege einzuschlagen. Das Potential scheint in den meisten Stieffamilien angelegt zu sein.

Robert Müller, Integrative Familienbegleitung 1 Bautzen 

Literatur

Döring, Gert H. (2002): Soziale Vaterschaft in Stieffamilien. Imaginationen von reifendem Glück. Regensburg: Roderer Verlag

Krähenbühl, V., Jellouschek , H. (u.a.)(2007): Stieffamilien. Struktur- Entwicklung- Therapie, Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag

Kelley, P. (1995): Developing Healthy Stepfamilies. Twenty families tell their stories, New York:The Haworth Press

Peukert, R. (2002): Familienformen im Wandel, 4. Auflage Opladen: Leske und Budrich Verlag

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Stief- und Patchworkfamilien in Deutschland. Monitor Familienforschung. Beiträge aus Forschung, Statistik und Familienpolitik. Ausgabe 31; https://www.bmfsfj.de/blob/76242/1ab4cc12c386789b943fc7e12fdef6a1/monitor-familienforschung-ausgabe-31-data.pdf (letzter Aufruf: 21.11.17)

 

 

Für Fragen und Hinweise steht unsere Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit, Birgit Andert, unter 0173/9603468 oder b.andert@kinderarche-sachsen.de zur Verfügung.