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„Mama, darf ich heut bei Oma schlafen?“ Wenn Kinder woanders übernachten

© Ilka Meffert

Woanders schlafen möchte jedes Kind irgendwann einmal. Bei Oma und Opa oder bei einem Freund, mit dem das Spielen gerade eine Menge Spaß macht. Dann möchte es die Zeit noch etwas hinauszögern und fragt den Erwachsenen: „Kann ich bei Paul schlafen?“ Wenn Tim dies schon des Öfteren getan hat und seitens der Eltern nichts dagegen spricht, können sie dem Wunsch nachkommen. Woanders übernachten ist ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit der Kinder. Das Kind lernt Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und erkundet neugierig seine Umwelt. Sie lernen dabei neue Familiensituationen kennen, was zum Vergleichen, Verstehen und Nachdenken anregt. Außerdem machen die Kinder positive Erfahrungen ohne die Eltern, über die sie im Nachgang miteinander sprechen können.

Möchte oder muss das Kind zum ersten Mal woanders schlafen, ist es wichtig, das Ganze gut vorzubereiten. Je besser das Kind Bescheid weiß und die Umgebung kennt, desto mutiger und leichter wird es das Erlebnis meistern. Sinnvoll ist es, gemeinsam mit dem Kind eine Tasche zu packen. So spürt es Ihre Fürsorge und Zuversicht und entwickelt ein gutes Gefühl. Das Lieblingskuscheltier, ein kleines Spielzeug oder das Gute-Nacht-Geschichten-Buch vermitteln in der Fremde Vertrautheit und Sicherheit. Auch bei der Wahl des Schlafanzuges oder der Sachen für den nächsten Tag darf das Kind mitbestimmen. Fragen Sie es, was es braucht, um die Nacht angstfrei im fremden Bett schlafen zu können, und erklären Sie ihm im Vorfeld, wie der Tag ablaufen wird.

Größeren Kindern, die beispielsweise ihre erste Klassenfahrt bewältigen, kann auch ein „Notfallkoffer“ gegen Heimweh mit dem Kuscheltier, einem kleinen Brief, einem Foto und einer Tüte Gummibärchen im Gepäck helfen. Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind auf jeden Fall, wann Sie es wieder abholen (nach dem Frühstück oder eine feste Uhrzeit). Verabschieden Sie sich fröhlich und nicht zu ausgiebig. Auch so merken die Kinder, dass es Ihnen selbst gut damit geht und Sie ihm das Abenteuer zutrauen.

Auch die Verantwortlichen sollte einige Hinweise erhalten. Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist das. Selbst wenn das Kind seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse gut äußern kann, sollten die Verantwortlichen wissen, welche Rituale das Kind kennt, wovor es Angst hat, wie es zu beruhigen ist, was es gern isst und was es gar nicht mag. Vereinbaren Sie, wie Sie zu erreichen sind und was Sie tun werden, wenn das Kind in der Nacht Angst bekommt. Ein kleines Nachtlicht ermöglicht die Orientierung und kann Panik in der Dunkelheit vermeiden. Zeigen Sie dem Kind den Weg zur Toilette und zum „Erwachsenen-Schlafzimmer“, falls es wach wird und Zuwendung braucht.

Möchte es am Abend trotz guter Vorbereitung nach Hause, sollte es abgeholt werden. Selbst Grundschulkinder, die am Nachmittag felsenfest der Überzeugung sind, das Schlafen beim Freund zu schaffen, können am Abend Heimweh bekommen. Es kann durchaus Furcht auslösend sein, wenn es bislang immer in der Gewissheit geschlafen hat, dass Mama und Papa da sind. Wurde es dann abgeholt, sollten die Eltern weder verärgert noch belustig darauf reagieren. Es wird das Kind traurig stimmen, wenn es der Mut verlassen hat und die Hürde wird beim nächsten Versuch umso größer. Wenn möglich, besprechen Sie, was konkret Unsicherheit ausgelöst hat. Dies kann helfen, Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Falls es nicht dringend notwendig ist, sollte ein Kind nicht gegen seinen Willen woanders schlafen. Löst der Gedanke bei Eltern und Kind Unwohlsein aus, unterstützt man die Entwicklung in Richtung Selbstständigkeit nicht. Unter Zwang eine Nacht woanders zu verbringen, kann das Vertrauen nachhaltig erschüttern. Wie die Entwicklung selbst, ist auch in diesem Bereich jedes Kind unterschiedlich. Dabei gibt es kein geeignetes Alter, in dem das Kind bei anderen schlafen lernen oder können muss. Sind die Eltern aber zu einem Fest geladen, möchten gern einen Abend in Erwachsenen-Gesellschaft verbringen oder können aufgrund von Berufstätigkeit nicht zu Hause sein, sollte darüber nachgedacht werden, ob die Oma oder ein bekannter Babysitter nicht die Zeit im vertrauten Umfeld bei dem Kind bleiben kann. Dies ist ein kleinerer Schritt und vermittelt dem Kind, dass es auch ohne die Eltern sicher schlafen kann. Äußert der Spross dann von allein, dass er zur Oma möchte, steht diesem Abenteuer nichts mehr im Wege.

Anders steht es natürlich um die Kinder, die aus Umgangsgründen regelmäßig nicht zu Hause schlafen. Kommen diese gut damit zurecht, werden es natürlich die Kinder sein, die gern bei Freunden schlafen und voller Lust in die Jugendherberge fahren. Aber manchmal fällt es den Kindern auch sehr schwer, nach einer Trennung zwischen den Eltern zu pendeln. Wichtig sollte den Erwachsenen dabei stets das Wohl des Kindes sein. Machtkämpfe, Streitereien und eigene Bedürfnisse sind dabei fehl am Platz. Die Eltern sollten besprechen, wie die Kontakte und Übergänge gestaltet werden können, je nach Alter des Kindes auch mit dessen Mitsprache.

Manchmal ist der Übergang an einem neutralen Ort leichter als von zu Hause. Holt bspw. der Papa das Kind am Nachmittag aus der Kita oder von der Schule ab, ist der Trennungsschmerz von Mama nicht so groß. Kleineren Kindern kann es helfen, gemeinsame Zeit zu verbringen und nicht in 5 Minuten an der Tür aus dem gewohnten Umfeld gerissen zu werden. So kann der abholende Elternteil beispielsweise eine Weile mit dem Kind spielen, wobei sich der andere aus dem Kontakt zurückzieht.

Erklären Sie dem Kind, was als nächstes passieren wird (gemeinsamer Spielplatzbesuch o.ä.) und motivieren Sie es so behutsam, dass es an der Zeit ist, mitzugehen. Probieren Sie einfühlsam, was individuell gut funktioniert, wenig Stress auslöst und vermitteln Sie Ihrem Kind das Gefühl, dass es okay ist, nicht zu Hause zu sein. Fragen Sie das Kind, wenn es zurückkehrt, nicht aus, was es erlebt hat. Dies kann Loyalitätskonflikte beim Kind auslösen. Äußert sich das Kind von selbst, können Sie ins Gespräch kommen.

Ist das Kind nach einem Besuch beim anderen Elternteil angespannt, traurig oder aufgedreht, kann vor allem bei kleineren Kindern eine Ursache darin liegen, dass es Ängste hat, den anderen nicht wiederzusehen. Dieser Trennungsangst damit zu begegnen, dass es den Papa ja in 2 Wochen wiedersieht, ist für junge Kinder kaum tröstend, da sie Zeiträume nicht abschätzen können. Besser ist dabei, aufzuzählen, was konkret passieren wird, bis es den Papa trifft. Ganz allgemein ist selbst für ältere Kinder die Umgewöhnung zwischen den „zwei Welten“ nicht immer einfach. Probieren Sie, wie viel Zeit das Kind benötigt, wieder den gewohnten Rhythmus zu finden.

Des Weiteren ist es wichtig generelle Themen oder Probleme nicht im Beisein der Kinder zu klären, vor allem wenn das Miteinander noch sehr belastet ist. Der Moment des Überganges sollte bewusst nicht für längere, konflikthaltige Absprachen genutzt werden, um das Kind nicht zusätzlich zu verunsichern. Je positiver der Übergang gestaltet wird, desto einfacher fällt es dem Kind, Zeit beim jeweilig anderen Elternteil zu verbringen und dort auch gut zu schlafen. Auch dabei geben das gewohnte Kuscheltier und das gleiche Einschlafritual Sicherheit.

Astrid Butze, Psychologin im Kinderarche Sachsen e.V.

Für Fragen und Hinweise steht unsere Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit, Birgit Andert, unter 0173/9603468 oder b.andert@kinderarche-sachsen.de zur Verfügung.