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Kindliche Aggression – eine Erfindung der Neuzeit?

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Viele Eltern hören heute, ihr Kind zeige aggressive Züge. Es haut, beißt, kratzt und noch vieles mehr. Oft wird schon im Vorschulalter ADHS diagnostiziert. Doch gab es aggressives Verhalten von Kindern nicht schon immer? Oder lassen Umwelt und Gesellschaft Kinder heute wirklich aggressiver reagieren?

Natürlich haben auch früher Kinder ihren Spielpartner gehauen oder gebissen, um sich ein Spielzeug zu erkämpfen. Doch wurde dieses Verhalten früher noch anders sanktioniert. Strenge war dabei an der Tagesordnung und die Kinder wurden oft bestraft.

Doch wie geht man heute damit um, wenn das eigene Kind aggressive Züge zeigt? Wie handele ich in einer solchen Situation richtig? Was möchte mein Kind mir damit sagen?

Gerade Kleinkindern, die noch nicht sprechen können, fehlen oft die richtigen Worte. So wollen bzw. können sie nur mit Beißen und Hauen auf sich aufmerksam machen. Das ist ihre Art zu „sagen“: „Ich will mit dir spielen!“ Oder: „Ich will dein Spielzeug haben!“ Dieses Verhalten kann man gut eingrenzen, indem man dem Kind andere Wege zeigt, auf sich aufmerksam zu machen. Es kann das andere Kind zum Beispiel streicheln oder sanft am Arm anfassen und damit vermitteln: „Ich möchte etwas von dir.“ Konsequentes Auftreten ist wichtig: Bei einem nicht erwünschten Verhalten sollten Eltern sofort einschreiten, damit das Kind merkt, dass es so nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt.

Manchmal lässt sich in Kindergruppen beobachten, dass kleine Rangeleien nur gespielt werden. Dieses Verhalten ist gut, die Kinder probieren mit Gleichaltrigen aus, wo ihre Grenzen sind. Das schafft Selbstvertrauen und lässt erfahren, was man anderen Kindern nicht antun sollte, weil man selbst es nicht am eigenen Leibe spüren will. Bleibt die Rangelei im Rahmen, kann ein Erwachsener diese auch problemlos laufen lassen. Nur so lernen Kinder das soziale Miteinander.

Doch es gibt auch Situationen, wo kindliche Rangelei Grenzen hat. Manche Kinder vergessen in Konfliktsituationen, dass sie einen Mund zum Reden haben und hauen sofort zu. Sie wollen damit „Stopp“ sagen, aber haben die falsche Methode gewählt. Der verbale Umgang mit solchen Konflikten kann schon frühzeitig erlernt werden. Zeigt man dem Kind in übertragbaren Situationen, wie es sich ganz einfach mit bestimmten Worten helfen kann, wird es sich auch im Ernstfall zu helfen wissen.

Ein Beispiel: Wenn Ihr Kind zu Hause keine Schokolade bekommt und es so wütend wird, dass es beginnt zu hauen, sollten Sie Ihre Gefühle zeigen und sagen: „Au, das tut mir weh!“ Trotzdem ist es wichtig, die Gefühle des Kindes zu verstehen und es ihm zu sagen. Zum Beispiel so: „Ja, ich verstehe, dass du wütend bist, weil du keine Schokolade bekommst. Doch du musst mich nicht hauen. Mir ist es lieber, wenn du mir sagst, was dich wütend macht.“ Das klingt zwar im ersten Moment komisch, aber Ihr Kind fühlt sich in dem Moment verstanden. In anderen Situationen kann es dann selbst mit ähnlichen Worten reagieren. Denn es hat erlebt, dass es viel einfacher ist und weniger Kraft braucht, wenn man darüber redet. Es ist okay, sich Luft zu machen, wenn man wütend ist, aber eben nicht mit Hauen, Beißen und Kratzen, sondern mit einer lauten Ansage, was einen in diesem Moment stört.

Gleiches gilt für Streitsituationen mit anderen Kindern. Dabei ist das selbstständige Finden einer Lösung am Anfang ein langes Hin und Her, sodass die Hilfe eines Erwachsenen gut tut, um einen Kompromiss zu finden. Gerade wenn gestritten wird, wer als erstes an der Reihe ist, kann der Erwachsene eine Idee vorschlagen. So kann man eine Reihe bilden und Jonas soll der erste sein, weil er gerade geduldig gewartet und nicht mit gestritten hat. So hat der Erwachsene eine Lösung aufgetan und gleichzeitig das positive Verhalten von Jonas hervorgehoben und gelobt.

Damit Kinder nicht immer nach Aufmerksamkeit suchen müssen, ist es wichtig, dass sie gelobt werden, wenn sie etwas wirklich gut gemacht haben. Kindern reichen ein paar anerkennende Worte, um sich gut zu fühlen.

Wenn man sich trotz aller Bemühungen keinen Rat mehr weiß, kann es helfen, sich mit der Erzieherin zum Verhalten des Kindes in der Einrichtung auszutauschen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Diese kann immer nur gefunden werden, wenn die Ursache bekannt ist und behoben werden kann. Wenn etwa immer nur das Geschwisterkind daran glauben muss und gebissen wird, kann es sein, dass das Kind eifersüchtig auf sein Geschwisterchen ist und somit die Aufmerksamkeit der Eltern erreichen möchte.

Kommen wir noch einmal zur Frage zurück, ob Kinder, die sich aggressiv verhalten, eine Erfindung der Neuzeit sind. Nein, es gab schon immer aggressives Verhalten unter Kindern. Ja, denn die Art und Weise, wie uns Aggression und Gewalt im Alltag begegnen, hat sich verändert. Und das ist nicht verwunderlich. Im Fernsehen gibt es kaum noch eine Sendung, in der Gewalt nicht vorkommt. Viele Kinder finden es zum Schreien lustig, wenn sich ihre Lieblingsfigur im Fernsehen verletzt oder wenn sich zwei Figuren gegenseitig den Hammer übern Kopf hauen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Kinder nicht allein fernsehen. Wenn man gemeinsam Fernsehen schaut, kann man sich austauschen und besprechen, ob das Gesehene wirklich lustig oder Quatsch ist und was in Wirklichkeit passieren würde, wenn uns jemand einen Hammer über den Kopf ziehen würde!

Wenn Sie Fragen oder Probleme mit Kindern haben, die aggressiv handeln, können Sie sich immer an Ihre Erzieher in der Einrichtung Ihres Kindes wenden, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Maria Bernhardt, Erzieherin in Ausbildung, Kindertagesstätte „Sonnenblumenkinder“ Naundorf

Für Fragen und Hinweise steht unsere Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit, Birgit Andert, unter 0173/9603468 oder b.andert@kinderarche-sachsen.de zur Verfügung.