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„Babo oder Flachbrezel, Bitchfight statt Fame“ – die Jugendsprache von heute

Vollständige Sätze? Grammatik? Das ist doch voll uncool! Die Jugendlichen von heute haben ihre eigene Sprache, die Eltern, Lehrer und Co nicht immer verstehen: „Ey – Yolo, bist du swag wie Babo?“ In manchen Situationen würde man ihnen liebend gern kollektive Nachhilfe in Redekunst verordnen. (Vgl. „Berliner Morgenpost 2014“) Wenn man mal wieder Zeuge einer Unterhaltung wird, wo es in den Sätzen von „boar-ey“, „krass“ oder „Alder“ nur so wimmelt. Wenn man bemerkt, dass aus „Was hast du heute gemacht? Hast du Lust, dich mit mir später zu treffen?“, ein „Ey, was geht’n? Treff’n?“ wird und wenn Jugendliche Fragen am liebsten mit „Kp“ („kein Plan“) beantworten. 

Was ist da passiert?

Die Jugendlichen in diesem Alter scheinen Gefallen daran zu finden, mit ihrer Muttersprache ähnlich gleichgültig umzugehen wie mit den von Eltern und Lehrern aufgestellten Regeln und Normen. Grammatik, Artikel, Normen – Lame (langweilig) und uncool! Stattdessen hört man überall „Yolo“, das Jugendwort 2014, was ausgesprochen „You only live once“ heißt und was soviel bedeutet wie „Man lebt nur einmal“. Das Internet dient den Jugendlichen hier als Spielwiese. Eine Welt aus Buchstaben, Satzzeichen und Emoticons (Smilies) tut sich auf – Facebook, Skype und WhatsApp, alles geht da durcheinander, auf Rechtschreibung achtet kein Mensch, auf Kommaregeln schon mal gar nicht, aber wer in seiner Freizeit derart nachlässig schreibt, so die Sorge vieler Eltern, kann der wirklich jemals wieder auf Schriftnorm und Schulniveau umschalten?

Warum ist das so?

Jede Jugendszene hat ihre eigene Sprache. So wollten sich Jugendliche in den 50er Jahren durch Protest und Anders-Sein („no mainstream“) von den Erwachsenen abheben. Heute dagegen ist die Jugendsprache eher Teil einer Spaßkultur (Hobbys, Interessen, Kleidung…), die von den Medien bestimmt wird, da der Spaß und das Vergnügen im Vordergrund stehen. Trotzdem haben Erwachsene Probleme, diesen Soziolekt (Dialekt einer bestimmten Gruppe) zu verstehen, denn auch heute noch wollen sich Jugendliche mit ihrer Sprache von der Welt der Erwachsenen abgrenzen. Zum anderen dienen diese szenebezogenen Soziolekte aber auch dazu, sich gegenüber anderen Jugendlichen abzugrenzen, die sich in anderen Szenen zuhause fühlen, die andere Interessen haben, anders denken und daher auch eine andere Sprache sprechen. Dieses „Abgrenzen“ ist ein wesentlicher Bestandteil der Selbstdefinition – gerade in der Pubertät, in der Jugendliche ihre eigene Identität ausbilden, auf der Suche nach Selbstfindung sind. In dem Maße, in dem die Jugendlichen ihre Soziolekte zur Abgrenzung nutzen, dienen sie umgekehrt natürlich auch zur Integration. Vor allem in „Cliquen“ schafft die gemeinsame Sprache eine wesentliche Grundlage dafür, dass ein unverwechselbares „Wir-Gefühl“ entsteht, das durch das Sprechen der gemeinsamen Sprache ständig neu belebt wird.

Warum diese Wörter entstehen?

Jugendsprache entsteht, indem die vorhandenen sprachlichen Mittel so umgeformt, teilweise entstellt, neu zusammengefügt und mit einer veränderten Bedeutung versehen werden, dass eine gruppenspezifisches Inventar entsteht, das nicht mit allgemein verständlich ist. Dabei werden bestimmte sprachliche Mittel bevorzugt und angewandt:

  1. Umdeutung ist das generelle Prinzip, mit dem sprachliche Mittel für den gruppenspezifischen Gebrauch aufbereitet werden. Dabei wird einem Wort eine neue Bedeutung zugeordnet, z.B. Zahn – Mädchen; Hirsch – Motorrad; geil – sehr gut
  2. Polysemie: Da Jugendliche nicht beliebig einen neuen Wortschatz erfinden können, sind sie gezwungen, den vorhandenen Wörtern mehrere Bedeutungen zu hinterlegen, z.B. Asche: pulvriger Rückstand verbrannter Materie, Bedeutungsvarianten: Geld, Unsinn und Ärger
  3. Festgefügte Worte und Satzformen: „Du hast wohl lang’ nicht mehr mit der Krankenschwester geflirtet?“ Dies sind veränderte Wörter, dazu gehören auch bekannte Wendungen, die nur einzelne Elemente verändert haben: „Einen im Tee haben!“

Was dagegen unternehmen?

Der deutsche Sprachwissenschaftlicher Hans-Norbert Dittmar, der von 2008 bis 2011 an der FU ein großes Forschungsprojekt zur Jugendsprache durchführte, spricht hier von einer Art „Reifestadium“. So ist es erwiesen, dass Jugendliche im Laufe ihres Erwachsenwerdens Abstand von der sprachlichen Überdramatisierung nehmen. Der Wunsch, sich von der Sprachgemeinschaft abzugrenzen, lässt stetig nach (vgl. Interview „Berliner Morgenpost 2014“).

Was aber machen, wenn man nicht solange warten möchte?

Sollen Eltern genau denselben Jargon annehmen wie ihr Nachwuchs? Oder sollen sie alles streng reglementieren? Dittmar hat eine beruhigende Botschaft für alle verunsicherten Eltern: „In Familien, in denen viel geredet wird und Eltern und Jugendliche grundsätzlich ein gutes Verhältnis haben, dürfen die Erwachsenen gelegentlich auch den Jargon der Kinder übernehmen.“ (im Interview „Berliner Morgenpost 2014“) Dies ist keine billige Anbiederungsstrategie, sondern dient als Brücke zwischen den Generationen, die gerade in der Pubertät der Heranwachsenden oft genug nötig ist, um Verständigungsschwierigkeiten zu überwinden.

Alexander Apel, Erzieher in der Integrativen Mädchenwohngruppe im Mutter-Kind-Haus Leubnitz

Quellen:

Für Fragen und Hinweise steht unsere Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit, Birgit Andert, unter 0173/9603468 oder b.andert@kinderarche-sachsen.de zur Verfügung.